02.12.2021 / 17:41 // Airbus Defence & Space / BDI / ConstellR / ESA / Exolaunch / GOSA / HPS / HyImpulse / Isar Aerospace / KLEO Connect / LiveEO / Morpheus Space / Mynaric / OHB / OKAPI:Orbits / OroraTech / Planet / REFLEX Aerospace / Rocket Factory Augsburg

Banner zur Gründung der NewSpace-Initiative des BDI
© BDI

Wer mit Unternehmer:innen aus der NewSpace-Industrie spricht, hört immer wieder einen Satz: NewSpace ist auch eine Frage des Mindsets. Dass das nicht nur so daher gesagt, sondern tatsächlich der Fall ist, zeigte sich am 1. Dezember in Berlin: Im Haus der Deutschen Wirtschaft wurde die New-Space-Initiative des Bundesverbandes der Deutschen Industrie gegründet. Die Veranstaltung fand coronabedingt hybrid statt. Das heißt, ein Teil der Gründungsmitglieder war online zugeschaltet, während der andere unter Einhaltung der 2G+-Regeln vor Ort in Berlin war. In seinen einleitenden Worten verwies BDI-Hauptgeschäftsführer Dr. Joachim Lang auf die Chance, die sich mit der Kommerzialisierung der Raumfahrt bietet.

So seien satellitenbasierte Daten und Anwendungen die Basis für etliche neue Technologien – etwa Konnektivität, Industrie 4.0, Infrastruktur- und Bergbau-Monitoring, autonomes Fahren, Smart Farming und viele weitere datenbasierte Geschäftsmodelle. Zudem ermöglichten Satelliten schnelles Internet an jedem Ort der Welt und Erdbeobachtung in Echtzeit, um Katastrophen, beispielsweise Waldbrände oder Tsunamis, frühzeitig zu erkennen. Und auch für den Klima- und Umweltschutz sei NewSpace elementarer Teil der Lösung.

Der Blick ins deutsche NewSpace-Ökosystem zeigt, dass sich zahlreiche Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette etabliert haben. Nun schlossen sich einige von ihnen gemeinsam mit Unternehmen und Verbänden anderer Branchen in der New Space-Initiative des BDI zusammen. Deren Kernanliegen ist es, den Raumfahrtstandort Deutschland zu stärken.

NewSpace Initiative als Signal des gemeinsamen Aufbruchs

Dr. Joachim Lang (BDI) bei seinen einleitenden Worten zur Gründung der NewSpace-Initiative in Berlin
Dr. Joachim Lang (BDI);
© Christian Kruppa

Mit der neuen Initiative will der BDI ein starkes Signal des gemeinsamen Aufbruchs in der Raumfahrt für Deutschland und Europa senden. Die branchen- und industrieübergreifende Initiative bildet einen einmaligen Zusammenschluss von New-Space-Start-ups, Raumfahrtunternehmen, Verbänden, klassischen Industrieunternehmen und der Digitalwirtschaft. Unser Ziel ist, Deutschland und Europa fit für die digitale Transformation, die Energiewende und Industrie 4.0 zu machen.

Dr. Joachim Lang, Hauptgeschäftsführer und Mitglied des Präsidiums, Bundesverband der Deutschen Industrie e.V. (BDI)
Live via Internet zugeschaltet: Josef Aschbacher, Generaldirektor der ESA
Live via Internet zugeschaltet: Josef Aschbacher, Generaldirektor der ESA;
© Christian Kruppa

Virtuell zur Veranstaltung hinzugeschaltet war auch Josef Aschbacher, Generaldirektor der ESA. Er betonte in seinen Grußworten die Bedeutung der Raumfahrt für die Öffentlichkeit und verwies im Zuge dessen noch einmal auf das Matosinhos-Manifest [Astrodrom berichtete]. Zudem hob er die bisher exzellente Zusammenarbeit zwischen dem BDI und der ESA hervor, auf deren Intensivierung er sich freue.

NewSpace-Ampeltalk mit Dieter Janecek

Diesem Programmpunkt schloss sich ein „NewSpace-Ampeltalk“ an. Dafür war Raumfahrtexperte Dieter Janecek (Bündnis 90/Die Grünen) per Video zugeschaltet. Eines der drängesten Themen war dabei der am 24. November 2021 vorgestellte Koalitionsvertrag von SPD, GRÜNEN und FDP. Wie Matthias Wachter, Abteilungsleiter für Internationale Zusammenarbeit, Sicherheit, Rohstoffe und Raumfahrt, in seiner Anmoderation erwähnte, tauchen die Begriffe Raumfahrt und NewSpace in dem 177 Seiten umfassenden Papier lediglich einmal auf. Dies steht jedoch mehr oder minder im Widerspruch zu den Wahlprogrammen, in denen noch konkretere Vorhaben aufgeführt waren. Wie Janecek erklärte, wird das Thema NewSpace sowohl im Bereich Wirtschaft als auch Klima angesiedelt werden. Ziel sei es, die Rahmenbedingungen für neue Ideen zu verbessern und ein „vitales Umfeld für Unternehmen zu schaffen, damit der Anschluss nicht verloren geht.“ Laut Janecek seien aber noch viele Details zu klären, unter anderem die der Haftungsfragen.


Unsere Kanzlei hat sich bereits in den letzten Jahren stark zu rechtlichen Fragen rund um NewSpace engagiert und dazu unter anderem mit dem BDI einen NewSpace Lunch in Düsseldorf organisiert. Wir beraten zahlreiche deutsche Unternehmen der Weltraumindustrie, darunter auch mehrere Start-ups im NewSpace. Der Ansatz des BDI, in die Initiative gerade auch führende deutsche Unternehmen aus Anwenderbranchen zu integrieren, ist sehr zu begrüßen. Erdbeobachtungsdaten, Navigationslösungen, Kommunikationsverbindungen und sonstige Satellitendienste werden für viele Branchen immer wichtiger. Dies gilt in besonderem Maße für die Autoindustrie, die sich auf das autonome Fahren vorbereitet, aber auch für den Maschinenbau bei der Fernwartung über IoT, für die Landwirtschaft oder die Versicherungsbranche. Wir hoffen, dass wir mit unseren Beiträgen dabei helfen können, den NewSpace-Bereich in Deutschland fortzuentwickeln und die Nutzung von Satellitendiensten durch die deutsche Wirtschaft insgesamt voranzutreiben.

Ingo Baumann, BHO Legal

Live beim Kick-off der NewSpace-Initiative via Internet zugeschaltet: Dieter Janacek (Bündnis 90/Die Grünen)
Live via Internet zugeschaltet: Dieter Janacek (Bündnis 90/Die Grünen);
© Christian Kruppa

Damit spielte er auf ein Weltraumgesetz an, das auch aus dem Publikum angesprochen wurde. Clemens Kaiser, Managing Director und CTO der KLEO Connect GmbH, wollte wissen, ob dieses Gesetz in den Koalitionsverhandlungen thematisiert wurde. Laut Janecek wird dies zwar eine priorisierte Rolle spielen, war in den Verhandlungen jedoch ein untergeordnetes Thema. Auf die Frage, in welchem Verhältnis die deutschen Raumfahrtambitionen zu den europäischen stünden (Sabine von der Recke, OHB System AG), antwortete der Diplom-Politologe, dass der Koalitionsvertrag sehr vom europäischen Gedanken geprägt sei. So ist darin zu lesen, dass die ESA gestärkt werden soll. Was das heißt, wird sich zeigen müssen. Allein deutsch gedacht werden sollte das Thema Raumfahrt jedoch nicht. Er sei der Überzeugung, dass dies nicht möglich ist. Bekannt sei ihm auch, dass eine saubere Abgrenzung agenturgetriebener Projekte durch die ESA teilweise wirtschaftliche Ambitionen unmöglich machen. Ein Thema, das die zukünftige Regierung seiner Meinung nach beschäftigen werde.


In dieser nationalen Initiative sind viele der wichtigsten NewSpace-Player Deutschlands vertreten. Sie gibt dem gesamten NewSpace-Bereich in Deutschland eine gemeinsame Stimme, die nah an der Politik ist. Das ist sehr wichtig, gerade in Zeiten des Umbruchs, wie wir sie aktuell erleben: Wir bekommen eine neue Bundesregierung, die Lage im Weltraum verändert sich, wir stehen im internationalen Wettbewerb. Indem wir uns als Schlüsselspieler dieser Branche vereinen und mit einer Stimme sprechen, können wir die unweigerlich auf uns zukommenden Veränderungen in Richtung mehr Raumfahrt und mehr NewSpace lenken. Außerdem gibt die NewSpace-Initiative dem deutschen NewSpace auch international eine Stimme. Daher begrüßen wir diese Initiative sehr und ich freue mich, dass wir mit Reflex Aerospace zu den Gründungsmitgliedern gehören dürfen und werden sie auch weiterhin unterstützen.

Walter Ballheimer, Core team Member Reflex Aerospace

Koalitionsvertrag: Schon viel diskutiert, Vieles noch unklar

© Christian Kruppa

Keine konkrete Antwort konnte Janecek auf die Frage von Daniel Bock (Morpheus Space) liefern, ob der Staat zukünftig vermehrt als Ankerkunde auftreten wird. Die Diskussion darüber wurde zwar bereits geführt, müsse allerdings noch „ausbuchstabiert“ werden.

Sven Meyer-Brunswick (Mynaric, Foto) wollte wissen, ob es in den Koalitionsverhandlungen eine Diskussion bezüglich einer deutschen bzw. europäischen Satelliten-Konstellation gab. Wie der Grünen-Politiker erklärte, sei dies in der Innovationsgruppe angesprochen worden, spielte aber im Koalitionsvertrag keine Rolle. Matthias Wachter schloss die Runde mit dem Wunsch, zukünftig gemeinsam mit der Politik eine starke Position in Fragen der Raumfahrt einzunehmen. Denn, so Wachter, eine Abhängigkeit vom US-Markt sei grundsätzlich schwierig.


Die heute gestartete NewSpace Initiative des BDI ist ein wichtiger Meilenstein und wir sind froh als Gründungsmitglied von Anfang an mit dabei zu sein. Die Raumfahrt befindet sich aktuell im industriellen Umbruch und wird Schlüsselfunktionen in der Bewältigung der Klimakrise, der globalen Vernetzung, Datensicherheit und vielen anderen Feldern spielen. Andere Nationen haben längst verstanden, dass hierfür die Kommerzialisierung von Lösungen aus der Raumfahrt für branchenfremde Nutzer und die Industrialisierung und damit Kostensenkung von Raumfahrtanwendungen essenziell sind und feiern bereits entsprechende Erfolge. Wir freuen uns mit dem BDI, den Gründungs- und zukünftigen Mitgliedern der Initiative Mitstreiter gefunden zu haben, um diese Ansätze voranzutreiben und so Deutschlands internationale Wettbewerbsfähigkeit weiter zu stärken.

Sven Meyer-Brunswick, C3PO Mynaric

Raumfahrt für Industrieländer unverzichtbar

In seinem Grußwort betonte Dr. Michael Schöllhorn (CEO, Airbus Defence and Space; Präsident Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI); Mitglied des Präsidiums BDI), dass Raumfahrt für ein Industrieland unverzichtbar sei. Denn sie schütze Umwelt und Klima, schaffe Wissen, Informationen, Kommunikation, Sicherheit und Souveränität und fördere Mobilität. Letztlich müsse Raumfahrt im Sinne des Zugangs zum All in Deutschland und Europa dringend erhalten werden. Während die Raumfahrt in letzter Zeit einen sichtbaren Schub hinsichtlich ihrer Sichtbarkeit erfahre, nähme die deutsche Raumfahrtindustrie eine weltweite Spitzenstellung ein. Das zeige sich an einem Gesamtumsatz von rund 2 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2020 und fast 10.000 Beschäftigten in der Branche. Diese zeichne sich durch ihre Vernetzung aus: Systemhäuser, KMUs, große Unternehmen und Start-ups arbeiteten vielerorts Hand in Hand.

“Souveränität ist nicht selbstverständlich”

Dr. Michael Schöllhorn, u.a. CEO Airbus Defence & Space;
© Christian Kruppa

Die Raumfahrtindustrie sei branchen- und ressortübergreifend von extremer Wichtigkeit für die Gesellschaft, in ihrer ökonomischen Bedeutung aber auch in der Bedeutung für Sicherheit und Souveränität. Mit Verweis auf den gezielten Abschuss eines ausgedienten russischen Satelliten (Kosmos 1408) durch Russland am 15. November 2021 betonte er, dass diese Unabhängigkeit nicht als selbstverständlich anzunehmen sei.


Die Herausforderungen in der Raumfahrtindustrie sind nach wie vor zahllos, und große Probleme wie der Mangel an Regulierungen, der rasch zunehmende Weltraummüll und die unzureichende Nachhaltigkeit sind nach wie vor präsent. Die einzige Möglichkeit, diese zu bewältigen, besteht darin, die Kräfte zu bündeln, und wir sind mehr als glücklich, die NewSpace-Initiative dabei mit voller Kraft zu unterstützen.

Daniel Bock, CEO & Co-Founder Morpheus Space

Weiterhin führte er aus, dass es zwar ein weitgehend einheitliches, aber nicht definiertes und damit diffuses Bild davon gäbe, was unter dem Begriff NewSpace zu verstehen sei. Aus seiner Sicht bedeute dies, dass es nicht nur große Systemhäuser geben darf und sollte, sondern auch Startups und KMUs. Ebenso, dass zum Beispiel Finanzierungen nicht nur aus staatlicher, sondern auch aus privatwirtschaftlicher Hand erfolgten oder neue Kooperationen geschlossen würden.


In Zukunft wird jedes Unternehmen in die Raumfahrt gehen, um dessen Daten zur Erreichung und Verifikation ihrer Klimaziele zu nutzen. Die Initiative ist die ideale Plattform dafür.

Thomas Grübler, CEO & Co-Founder OroraTech

Letztlich sei NewSpace im Sinne der Gesamtindustrie Mittel zum Zweck, um der Gesellschaft, Wirtschaft und Sicherheit zu dienen. Als “Ermöglicher” diente sie unter anderem der Landwirtschaft oder der der Industrie. Deshalb sei die Zusammenarbeit in der Breite besonders wichtig. Mit Gründung der New Space-Initiative solle der Zeitpunkt nicht verpasst werden, die führende Stellung Deutschlands auszubauen und zu sichern.

Pitches, Working Groups, Nächste Schritte

Der nächste Punkt auf der Agenda war die Selbstvorstellung aller Gründungsmitglieder. Dafür hatte jedes Unternehmen eine Minute Zeit – und durfte lediglich eine Folie präsentieren. Die Präsentation erfolgte in alphabetischer Reihenfolge der Vertreter des jeweiligen Unternehmens. Im Anschluss an diesen Programmpunkt teilten sich die Teilnehmenden in vier so genannte „Working Groups“ auf. In diesen wurden bereits erste Themen besprochen und Sprecher gewählt.

Working GroupSprecher
Nationaler und internationaler Rechtsrahmen; FörderinstrumenteIngo Baumann, Partner bei BHO Legal
Industrie 4.0, Konnektivität und CybersecurityMartin Haunschild (Business Development Space, Mynaric) und Marcel Taubert (Head of Division Defence & Space bei secunet AG)
Nachhaltigkeit, Klimaschutz, LandwirtschaftFabian Wendenburg (Geschäftsführer Familienbetriebe Land und Forst)
MobilitätSven Przywarra (CEO und Co-Founder LiveEO) und Ulli Leibnitz (Senior Vice President bei CGI Deutschland)
Tabelle: Working Groups und gewählte Sprecher

Es gibt natürlich mehrere Gründe warum es für uns Sinn macht, die NewSpace Initiative zu gründen. Vor allem sehen wir das enorme Potenzial, das in Deutschland schlummert. Wir können die wichtigsten Komponenten der Satelliten bis hin zum Bau, Launch, Betrieb und Verwertung der gewonnen Daten komplett in Deutschland abbilden. Wir sind absolut überzeugt, dass New Space eine Schlüsseltechnologie sein wird und es eine große Chance ist, in diesem Bereich globaler Marktführer zu werden. Wir arbeiten bereits jetzt mit einem Großteil der Gründungsmitglieder zusammen und können allein aus diesem Gesichtspunkt heraus schon sagen, dass es nicht nur fachlich sondern auch menschlich einfach Spaß macht, mit diesen Menschen zu arbeiten und die Zukunft mit zu gestalten.

Christian Mittermaier, Co-Founder ConstellR

Bevor es zum abschließenden gemeinsamen Networking-Lunch und ging, warf Matthias Wachter noch einen Blick in die Zukunft. Nach der erfolgreichen Gründen der NewSpace-Initiative gelte es nun, ihr zu Sichtbarkeit und Relevanz zu verhelfen. Dafür gibt es einerseits eine entsprechende Seite im Business-Netzwerk LinkedIn, aber auch ein eigener Webauftritt gehört dazu. Zudem wird die Initiative künftig auf Veranstaltungen vorgestellt. Als Beispiele nannte er die Münchner Sicherheitskonferenz Munich Security Conference, die ILA (Internationale Luft- und Raumfahrtausstellung), den Tag der Industrie und die Internationale Automobil Ausstellung IAA. Aber auch das NewSpace-Breakfast des BDI zähle dazu.


Die Gründungsmitglieder der NewSpace-Initiative


Interview mit Matthias Wachter, Abteilungsleiter für Internationale Zusammenarbeit, Sicherheit, Rohstoffe und Raumfahrt (BDI)

via BDI, Teilnahme vor Ort

Written by (MWe)