26.02.2022 / 12:14 // ESA / NASA / Roskosmos

Seit dem 24. Februar 2022 herrscht Krieg in Europa. Russland ist in die Ukraine einmarschiert. In Europa und den USA hat man Sanktionen gegen Russland verhängt. Sie sollen “mehr als die Hälfte der russischen Hightech-Importe abschneiden”, um die Modernisierung des russischen Militärs unmöglich zu machen, erklärte der US-Präsident Joe Biden in einer Stellungnahme. Zudem prognostiziert Biden: “Es wird ihre Luft- und Raumfahrtindustrie, einschließlich ihres Raumfahrtprogramms, schwächen.”

Dem entgegnete Dimitry Rogozin, der Generaldirektor der russischen Raumfahrtagentur Roskosmos, mit einer Reihe von Tweets, die mit “Alzheimer-Sanktionen” übertitelt sind.

Biden sagt, neue Sanktionen werden Russlands Raumfahrtprogramm beeinträchtigen. GUT. Es bleibt abzuwarten, wie die Einzelheiten aussehen werden.

1. Sie wollen uns den Zugang zu strahlenresistenter Weltraum-Mikroelektronik versperren? Das haben Sie also schon 2014 ganz offiziell getan. Wie Sie bemerken, bauen wir dennoch weiterhin unsere eigenen Raumfahrzeuge. Und wir werden dies tun, indem wir die Produktion der notwendigen Komponenten und Geräte im eigenen Haus durchführen.

2. Wollen Sie allen Ländern verbieten, ihre Raumfahrzeuge mit den zuverlässigsten russischen Raketen der Welt zu starten? Sie tun dies bereits und planen, den globalen Raumfahrt-Wettbewerbsmarkt ab dem 1.1.2023 vollständig zu zerstören, indem Sie Sanktionen gegen unsere Trägerraketen verhängen. Dessen sind wir uns bewusst. Auch das ist keine Neuigkeit. Auch hier sind wir bereit zu handeln.

3. Sie wollen unsere Zusammenarbeit bei der ISS zerstören? Sie tun dies also bereits, indem Sie den Austausch zwischen unseren Astronauten- und Astronautenausbildungszentren einschränken. Oder wollen Sie die ISS selbst betreiben? Vielleicht ist Präsident Biden nicht auf dem Laufenden, also erklären Sie ihm, dass die Bahnkorrektur der Station, die Vermeidung gefährlicher Annäherungen an Weltraummüll, mit dem Ihre talentierten Geschäftsleute die erdnahe Umlaufbahn verschmutzt haben, ausschließlich von Triebwerken des russischen Progress-Frachters durchgeführt wird.

Wenn Sie die Zusammenarbeit mit uns blockieren, wer wird dann die ISS davor bewahren, unkontrolliert aus der Umlaufbahn zu fallen und auf amerikanisches oder europäisches Territorium zu stürzen? Es besteht auch die Möglichkeit, dass ein 500 Tonnen schweres Bauwerk auf Indien und China fällt. Wollen Sie ihnen mit dieser Aussicht drohen? Die ISS fliegt nicht über Russland, daher liegen alle Risiken bei Ihnen. Sind Sie bereit für sie?

Meine Herren, wenn Sie Sanktionen planen, untersuchen Sie diejenigen, die sie erzeugen, auf die Alzheimer-Krankheit. Für den Fall der Fälle. Um zu verhindern, dass Ihnen die Sanktionen auf den Kopf fallen. Und das nicht nur im übertragenen Sinne. Solange Sie noch Partner sind, schlage ich vor, dass Sie sich nicht wie ein unverantwortlicher Spieler verhalten und die Behauptung “Alzheimer-Sanktionen” zurückweisen. Ein freundlicher Rat.

@Rogozin, Dimitry Rogozin, Generaldirektor Roskosmos, via Twitter-Thread

Dass Rogozins Behauptung, die ISS flöge nicht über Russland, eine Falschaussage ist, lässt sich unter anderem bei einem Blick auf den ISS-Tracker der ESA erkennen.

Nasa und ESA bestätigen weitere Zusammenarbeit mit Roskosmos

Mildere Töne folgten dagegen von den Partnern. Nasa-Sprecher Joshua Finch bestätigte gegenüber space.com per E-Mail beispielsweise: “Die Nasa arbeitet weiterhin mit all ihren internationalen Partnern, einschließlich des staatlichen Raumfahrtunternehmens Roskosmos, zusammen, um den sicheren Betrieb der Internationalen Raumstation zu gewährleisten.“

Zwar sollten die getroffenen Sanktionen auch die russische Raumfahrt treffen, jedoch “sind keine Änderungen an der Unterstützung der Agentur für den laufenden Betrieb in der Umlaufbahn und der Bodenstation geplant“ und “die neuen Exportkontrollmaßnahmen werden die zivile amerikanisch-russische Zusammenarbeit in der Raumfahrt weiterhin ermöglichen”, hieß es weiterhin in der Nasa-Stellungnahme.

Auch ESA-Generaldirektor Josef Aschbacher bestätigte am 25. Februar via Twitter die weitere Zusammenarbeit mit Roskosmos: „Ungeachtet des aktuellen Konflikts bleibt die zivile Weltraumkooperation eine Brücke. Die ESA arbeitet weiterhin an allen ihren Programmen, einschließlich der ISS- und ExoMars-Startkampagne, um die Verpflichtungen gegenüber den Mitgliedstaaten und Partnern einzuhalten. Wir werden die Entwicklung der Situation weiter beobachten.“

Kann die ISS tatsächlich abstürzen?

Nach dem Zuspruch von Nasa und Esa schien die Aggression nach Rogozins Tweets vorübergehend verschwunden. Dennoch stimmt es, dass das russische Segment für die Steuerung, Navigation und Kontrolle des gesamten Komplexes verantwortlich ist. Zudem befindet sich die Raumstation im stetigen freien Fall. Durch die  russischen Progress-Versorgungsraumschiffe wird die ISS regelmäßig wieder angehoben, damit sie die Erde in rund 407 Kilometern Höhe umkreisen kann.

In seinen Tweets betonte Rogozin auch, dass die ISS ohne die regelmäßigen Anhebungen durch die russischen Progress-Frachter auf natürliche Weise ihre Umlaufbahn verlassen würde. Ob Russland tatsächlich diesen Schritt gehen würde, ist fraglich. Immerhin befinden sich auch russische Kosmonauten auf der ISS. Falls Russland diesen Schritt gehen würde, könnte das Cygnus-Raumschiff von Northrop Grumman bei der Anhebung der Station aushelfen. Dieses ist mit der CRS NG-17-Mission am 19. Februar zur ISS aufgebrochen und dockte planmäßig am Montag, den 21. Februar 2022 um 10:44 MEZ an.

Elon Musk bietet Hilfe durch SpaceX an

Auch die Raumschiffe von SpaceX könnten die Aufgaben der Progress-Frachter übernehmen. Auf die Frage Rogozins, “wer dann die ISS vor einem unkontrollierten Deorbit und dem Absturz auf die Vereinigten Staaten oder Europa” rette, antwortete Elon Musk mit einem Logo von SpaceX. Musk bestätigte seine Absichten gegenüber der Nachfrage eines Twitter-Users.


Unabhängig davon, wie es im Ukraine-Krieg weitergeht: Die Zusammenarbeit auf der ISS soll weiter gewährleistet werden. Darin sind sich die Raumfahrtbehörden einig. Erste Einschränkungen gibt es dennoch. So stellt Roskosmos die Zusammenarbeit mit europäischen Partnern bei der Organisation von Weltraumstarts vom europäischen Weltraumbahnhof Kourou ein und zieht sein technisches Personal, einschließlich der konsolidierten Startmannschaft, aus Französisch-Guayana ab. Dies teilte Rogozin am 26. Februar via Twitter mit.


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Written by (PKl)