29.04.2022 / 09:02 // BDI / Isar Aerospace / Rocket Factory Augsburg

Selten wurden die Aktivitäten des Bundestages so aufmerksam verfolgt, wie derzeit. Debatten über Sanktionen gegenüber Russland, die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine oder ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr sind medial omnipräsent. Weitaus weniger Beachtung finden hingegen Beschlüsse, die für die deutsche und europäische Raumfahrt relevant sind. Dabei bietet gerade sie enormes Potenzial für die so oft beschworene wirtschaftliche und technologische Unabhängigkeit. Dazu beitragen soll nun auch eine Initiative für Smallsats.

Kleinsatelliten-Initiative ist Erbe der letzten Legislaturperiode

Wie Anna Christmann, Koordinatorin für Luft- und Raumfahrt der Bundesregierung am Freitag auf Twitter mitteilte, stellt der Bundestag im Jahr 2022 insgesamt 10 Millionen Euro für die Kleinsatelliten-Initiative zur Verfügung. Unter der Überschrift „Der NewSpace-Booster kommt“ schreibt die Politikerin der Grünen, dass Satelliten damit zukünftig wesentlich schneller und kostengünstiger entwickelt sowie in den Orbit geschickt werden können. Auf den Weg gebracht wurde das Vorhaben bereits in der letzten Legislaturperiode von der Großen Koalition, wie auch Christmanns Vorgänger kommentierte. In seiner Antwort schrieb Thomas Jarzombek in gewohnt unkonventioneller Art: „Wir haben Dir hier ein wirklich tolles und schlüsselfertiges Projekt übergeben. Mach was draus!“

Das fordern seit Längerem auch der Bundesverband der deutschen Industrie BDI und der Verein Deutscher Ingenieure VDI. Bereits im August 2021 veröffentlichten sie Handlungsempfehlungen für eine industrielle Fertigung von Kleinsatelliten in Deutschland. In dem 6-seitigen Dokument finden sich ebenfalls die Eckpunkte einer Initiative „Kleinsatelliten made in Germany“. Darin heißt es unter anderem, dass die öffentliche Hand Dienstleistungen bei kommerziellen Anbietern einkaufen solle, statt Technologien in Eigenregie zu entwickeln. Dadurch erhielte der Staat innovative Lösungen und der Wirtschaftsstandort Deutschland würde gestärkt. Zudem entstünden Innovationen im Wettstreit um die besten Ideen. Eben diesen gelte es mit einem Wettbewerb zu fördern, der der gesamten Industrie offen steht.

Microlauncher-Wettbewerb als Vorbild der Kleinsatelliten-Initiative

Als Vorbild benennen BDI und VDI den Microlauncher-Wettbewerb der Deutschen Raumfahrtagentur im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Dessen mit 11 Millionen Euro dotierte erste Runde gewann im April 2021 Isar Aerospace. Mit diesem Investment konnten sich die Ottobrunner nicht nur auf die Entwicklung der Spectrum konzentrieren, sondern auch das Unternehmen entsprechend skalieren. Weitere Investoren folgten, sodass Isar Aerospace mittlerweile als bestfinanziertes NewSpace-Start-up Europas gilt. Der Erstflug der Spectrum ist für Ende 2023 geplant. Einen ähnlichen Zeithorizont verfolgt die Rocket Factory Augsburg mit ihrem Launcher RFA One. Erst im April 2022 wurde das Augsburger Start-up als Zweitplatzierter des Microlauncher-Wettbewerbs bekannt gegeben, womit eine Förderung in Höhe von 11 Millionen Euro verbunden ist. In beiden Fällen gibt es bereits Pläne für die Nutzlasten der ersten Flüge. So sollen neben institutionellen Satelliten auch Technologiedemonstratoren in den Orbit gebracht werden. Einen ähnlichen wirtschaftlichen Effekt wie bei der Entwicklung von Raketen erwartet man sich auch im Bereich der Klein- und Kleinstsatelliten.

Investment auch in junge und kleine Start-ups erforderlich

All zu viel Zeit sollte die Bundesregierung sich dabei jedoch nicht lassen. Denn der Markt ist mit über 15.000 prognostizierten in den Orbit gebrachten Satelliten bis zum Jahr 2030 zwar groß, wird derzeit aber unter etablierten Playern aufgeteilt. Allen voran SpaceX, die mit jedem Start zum Aufbau der eigenen Starlink-Konstellation rund 60 Satelliten ins All bringen. Die vom Bundestag beschlossenen 10 Millionen Euro für die Kleinsatelliten-Initiative scheinen also gut investiert zu sein, um im internationalen Vergleich nicht den Anschluss zu verpassen. Voraussetzung sind jedoch Rahmenbedingungen, die vor allem kleineren und jüngeren Unternehmen die Beteiligung ermöglichen. Denn während sie mit ihren unkonventionellen Konzepten die eigentliche Innovationskraft des Wirtschaftsstandortes Deutschland ausmachen, sind sie durch bürokratische Hürden regelmäßig von Wettbewerben oder Förderungen ausgeschlossen. Inwieweit die Kleinsatelliten-Initiative also tatsächlich ein „NewSpace-Booster“ und kein Strohfeuer ist, wird sich erst noch zeigen müssen.

Written by (MWe)