20.03.2021 / 10:41 // ESA / SpaceX

Europa, China, Russland, die USA und Indien sowie weitere Akteure liefern sich ein erbittertes Rennen um die Vorherrschaft im All. Ein wichtiger Aspekt der Kontrolle ist der Betrieb des Internets aus dem Orbit. Besonders in ländlichen Regionen ist die Netzverbindung eher schlecht. Helfen soll ein flächendeckendes Satelliteninternet.

Vorreiter in diesem Gebiet ist SpaceX mit Starlink. Mittlerweile haben die Amerikaner über 900 Satelliten in den Orbit geschossen, wo sie in 550 km Höhe um die Erde kreisen. Seit Anfang November können die ersten Nutzer in den USA das Angebot von SpaceX ausprobieren. Die Signallaufzeit zwischen Satellit und dem Endgerät auf der Erde beträgt aktuell zwischen 20 und 40 ms. Die Geschwindigkeit soll künftig durch die Platzierung weiterer Satelliten erhöht werden. Das Unternehmen hat die Genehmigung bis 2027 gut 12.000 weitere Satelliten ins All zu schießen. SpaceX hat angekündigt, dass auch in Deutschland das Starlink-Internet bald verfügbar sein kann. Beantragt habe man die nötigen Genehmigungen für die Zulassung bereits Ende vergangenen Jahres.

Starlink-System überzeugt im Nutzertest © SWR2

Doch nicht nur SpaceX bietet Internet aus dem All an. Auch der Amazon-Konzern plant mit dem Projekt Kuiper seinen Einstieg in den Markt des Breitbandinternets. Einen ersten Erfolg verkündete das Unternehmen bereits: So habe es den ersten Prototyp des Kundenterminals, welches bei den Nutzenden für Empfang und Senden des Signals zuständig ist, entwickelt und erfolgreich getestet. Nun müssen noch 3.200 Satelliten in den Orbit gebracht werden, um ans Netz gehen zu können. Die Genehmigung der amerikanischen Behörden wurden bereits erteilt. Die erste Hälfte der Satelliten soll bis 2026 ins All geschossen werden, der die Restlichen bis 2029. Ob Amazon-Chef Jeff Bezos dies allein über sein Raumfahrtunternehmen Blue Origin abdecken kann, bleibt abzuwarten. Dies gilt aber als eher unwahrscheinlich. So sagte der Amazon-Manager David Limp in einer Techcrunch-Session: “Wenn Sie jemanden kennen, der eine Rakete da draußen hat, rufen Sie uns an!“

Ein weiterer Wettbewerber ist das Unternehmen Oneweb. Es hatte bereits 74 Satelliten in den Orbit befördert und plante eine Aufstockung auf 2.000, bevor es im März 2020 Insolvenz anmelden musste. Der japanische Haupteigner Softbank, dem 37,4 Prozent des Unternehmens gehörten, hatte sich geweigert, weitere Investitionen vorzunehmen und verkündet, seine Beteiligungen im Wert von 41 Milliarden Dollar abzustoßen. Hauptgläubiger ist Arianespace mit etwa 238 Millionen Euro, die vor allem aus Startverträgen stammen. Oneweb wollte seine Satelliten mit der Ariane 6, New Glenn von Blue Origin, LauncherOne von Virgin Orbit und russischen Sojus-Raketen ins All befördern. Ariane 6 und die New Glenn befinden sich allerdings noch in der Entwicklung und LauncherOne absolvierte erst im Januar 2021 ihren ersten erfolgreichen Start.

Gerettet wurde das Unternehmen durch eine Beteiligung Großbritanniens und des indischen Barthi-Konzerns. Das Vereinigte Königreich sicherte sich 42 Prozent der Anteile, Barthi 42,5 Prozent. Auch Softbank ist mit 9 Prozent der Anteile wieder mit von der Partie. Nach dem Neustart hat Oneweb bereits 36 Satelliten ins All geschossen und seine Partnerschaft mit Airbus reaktiviert. Ziel ist es, zunächst Großbritannien und die Arktis mit dem Satelliten-Internet abzudecken. Hier ist Starlink nämlich bisher noch nicht vertreten. SpaceX fokussiert sich zunächst auf den Süden – bis 52 Grad Nord. Nachdem insgesamt 650 Satelliten seinen Platz gefunden haben soll das Breitbandinternet bis Ende 2021 einsatzbereit sein.

Um in dieser Entwicklung nicht abgehangen zu werden, möchte Europa sein eigenes Satelliten-Internet anbieten können. Schließlich habe man erkannt, “dass sich Europa nicht auf den guten Willen seiner internationalen Partner verlassen sollte, wenn es um die kritischen Infrastrukturen geht”, sagt Esa-Telekommunikations-Direktorin Magali Vaissière der Süddeutschen Zeitung. Daher gab die ESA schon im vergangenen Sommer bekannt, dass sie eine Machbarkeitsstudie anfertigen wolle, aus der hervorgeht, wie das Satellitennetz realisiert werden könnte und welche Wettbewerbschancen es hat. Die ESA plant für die Umsetzung des Satellitennetzes zwei bis fünf Milliarden Euro ein. Eigentlich sollte die Studie bereits im Februar 2021 vorgelegt werden. Aber erst kurz vor Weihnachten 2020 stellte die ESA ein Konsortium vor, welches nun die Umsetzung testen soll. Für insgesamt 7,1 Millionen Euro haben nun folgende Mitglieder des Konsortiums ein Jahr Zeit, um die Studie zu erstellen: Airbus, Arianespace, Eutelsat, Hispasat, OHB, Orange, SES, Telespazio and Thales Alenia Space. Bis zu einer Inbetriebnahme des Netzes wird es aber noch fünf bis sieben Jahre dauern.

Einige der deutschen Raumfahrt-Start ups finden das Vorgehen der ESA zu langsam und bürokratisch. Daniel Bock vom Dresdner Start up Morpheus Space, das Ionenantriebe für kleine Satelliten entwickelt, erklärte dem Tech-Magazin 1E9, er finde es richtig, dass die EU seine Rolle im Rennen um das Satelliteninternet erkannt habe, diese Erkenntnis komme aber “viel zu spät”. “Wer die Kommunikationsinfrastruktur im All kontrolliert oder im großen Maßstab beeinflussen kann, wird sich in Zukunft globalen Machtanspruch und Einfluss sichern.” Von der Studie hält Bock relativ wenig. Genauso wie Bulent Altan, Chef des Unternehmens Mynaric, welches eine Lasertechnologie entwickelt, mit der große Datenmengen zwischen Satelliten und Bodenstationen transportiert werden können. Er äußert sich gegenüber 1E9 kritisch: Er finde das Vorgehen Europas geradezu “planwirtschaftlich”. „Wir sehen mittlerweile einen weltweiten Wandel hin zu einem unternehmerisch getriebenen und Wagniskapital-gestützten Raumfahrtsektor, der kommerziell denkt und profit- und marktgetrieben handelt. Europa sollte genau dies auch endlich unterstützen. In diesem Sinne ist es verschenkte Zeit mittels einer Studie herauszufinden, ob und wie ein europäisches Satellitennetzwerk gebaut werden könnte, während der Rest der Welt bereits hunderte Satelliten ins All geschickt hat und bis zur Fertigstellung der Studie viele weitere hundert Satelliten ins All schicken wird.“

Auch der neue ESA-Chef Josef Aschbacher sieht dieses Problem und will künftig die Wettbewerbsfähigkeit Europas stärken. Dem Bayrischen Rundfunk sagte er: “US-amerikanische Unternehmen wie SpaceX oder der Mars Rover Perseverance sorgen immer wieder für Schlagzeilen. In Europa gibt es derzeit keine solchen Schlagzeilen. Wenn Europa keinen Ruck nach vorne macht, werden wir zurückfallen.”


via: ESA, 1E9, Airbus, BR, heise