20.02.2022 / 20:55 // BDI

Vom 18.-20. Februar 2022 fand die 58. Münchner Sicherheitskonferenz (Munich Security Conference, MSC) statt. Angesichts der angespannten Lage in der Ukraine unterstrich Prof. Dr. Russwurm, Präsident des BDI, auf einer  BDI/vbw-Kooperationsveranstaltung im Rahmen der MSC die Notwendigkeit starker und innovativer NewSpace-Unternehmen in Deutschland.

Bei aller Begeisterung für Technik ist es unmöglich, die politische Dimension der Raumfahrt auszublenden. Das zeigt sich vor allem im geopolitischen Kontext, der derzeit von der Ukraine-Krise dominiert wird. Während Russland auf der einen und die NATO auf der anderen Seite in immer kürzer werdenden Abständen zwischen Eskalation und Deeskalation schwanken, nimmt Raumfahrttechnik hier eine besondere Rolle ein. Denn so ist es unter anderem den von Satelliten aufgenommenen Bildern zu verdanken, dass Truppenbewegungen beobachtet werden können. Doch das ist bei Weitem nicht alles.

Mehr als drei Jahrzehnte nach Ende des Kalten Krieges flammt derzeit ein Konflikt auf, der als Wettstreit der Systeme in die Geschichte einging. Wie damals ist auch heute von zentraler Bedeutung, wer technischer Vorreiter ist. In seiner Rede zum erfolgreichen Start des astronautischen Fluges im Rahmen der SpaceX Demo-2 Mission (SpX DM2) formulierte der damalige US-Präsident Donald J. Trump den durchaus fragwürdigen Satz: “You can’t be number one on earth if you are number two in space.” Fasst scheint es, als sei diese Aussage in der östlichen Hemisphäre auf besonders fruchtbaren Boden gefallen. Russland setzt laut Aussagen der FDP-Politikerin Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann (MdB, Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Deutschen Bundestages) auf den Schulterschluss mit China. Das asiatische Land hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2040 wirtschaftlich und militärisch die Nummer 1 der Welt zu sein.

Chinas ambitioniertes Raumfahrtprogramm

Insbesondere China treibt die Entwicklung seiner Kompetenzen in der Raumfahrtindustrie massiv voran. So landete im Mai 2021 der Rover “Zhurong” auf dem Mars – ein Manöver, das bisher nur den USA gelang. Die Sowjetunion konnte in den 1970er Jahren zwar eine Sonde auf unserem Nachbarplaneten landen, der Kontakt ging jedoch umgehend verloren. Bereits 2033 sollen die ersten Chinesen ihren Fuß den Marsboden setzen. Würde dies gelingen, käme das Land dem US-amerikanischen Unternehmen SpaceX trotz dessen ambitionierter Pläne zuvor.

Der chinesische Rover Zhurong und der Lander Tianwan-1 auf der Oberfläche des Mars
“Patrol Group Photo”: Rover “Zhurong” und Lander “Tianwen-1”, © CNSA

Zudem läuft derzeit der Aufbau einer chinesischen Raumstation. Die ersten Module befinden sich bereits im All, bis Ende 2022 soll der Bau abgeschlossen sein. Die Internationale Raumstation ISS indes wird im Januar 2031 kontrolliert zum Absturz gebracht. Das zumindest gab die NASA Anfang Februar 2022 bekannt. Schlössen sich Russland und China zusammen, träfen Erfahrung in der Raumfahrt auf finanzielle Macht und politischen Willen.

Illustration (3D-Design) der im Aufbau befindlichen chinesischen Raumstation
Tiangong Space Station Rendering 2021; By Shujianyang, Own work, CC BY-SA 4.0

Satelliten gehören zur kritischen Infrastruktur

Kurzfristig weitaus relevanter sind jedoch die Entwicklungen im erdnahen Orbit. Satelliten zählen längst zur kritischen Infrastruktur, lassen sich in mehreren Hundert Kilometern jedoch kaum sichern. Erst im November 2021 testete Russland den Abschuss eines Satelliten. Zwar wurde mit Cosmos-1408 ein ausgedienter, russischer Satellit zerstört, doch liegt die Brisanz in der verfügbaren Technik. China wiederum bewies im Januar 2022, dass es mittlerweile in der Lage ist, Satelliten gezielt aus dem Orbit zu entfernen. Offiziell brachte Shijian-21 (SJ-21) einen ausgemusterten chinesischen Satelliten des Navigationssystem Beidou in einen Friedhofsorbit. Doch auch hier zeigt sich: Der Status Quo der Vorreiterrolle im All wird regelmäßig in Frage gestellt.

“Deutschland darf nicht nur an der Seitenlinie stehen.”

Prof. Dr. Russwurm, Präsident des BDI bei seiner Rede im Rahmen der Münchner Sicherheitskonferenz MSC zum Thema Responsive Space; © Stefan Obermeier
Prof. Dr. Russwurm, Präsident BDI; © Stefan Obermeier

In seiner Rede verwies Prof. Dr.-Ing Siegfried Russwurm darauf, dass “Handels- und Sicherheitspolitik mehr denn je miteinander verwoben” seien. Seiner Aussage nach müssten sich Politik, Unternehmen und Gesellschaft gleichermaßen die Frage stellen, wo sie stehen und welche Rolle sie angesichts der sicherheitspolitischen Herausforderungen einnehmen wollten. Würde die wertebasierte Gemeinschaft liberaler Demokratien mit ihren Grundprinzipien der Souveränität, des Rechtsstaats, der freien Meinungsäußerung und Entfaltung von Menschen ernst gemeint, müsste dafür eingestanden und entsprechend gehandelt werden. Gleiches gelte für die freie Marktwirtschaft. Insofern müsse Deutschland an der Seite seiner Partner und Alliierten stehen, “nicht nur an der Seitenlinie oder in sicherer Deckung.”

Deutschland als verlässlicher Partner von EU und NATO

Deutschland müsse ein verlässlicher Partner im Rahmen von EU und NATO sein. Wie Russwurm betonte, sei der Ausbau der vielbeschworenen strategischen Autonomie Europas kein Selbstläufer. Es brauche technologische Fähigkeiten, da sie die Grundlage seien, um kritische Abhängigkeiten zu reduzieren und eigenständig handeln zu können. “Mehr europäische Souveränität und eine innovative Sicherheits- und Verteidigungsindustrie sind zwei Seiten einer Medaille. Eine negative Klassifizierung der Branche im Rahmen der sozialen Taxonomie wäre gerade in der aktuellen geopolitischen Situation absolut kontraproduktiv.” Als wirtschaftliches Zugpferd Europas werde von Deutschland eine klare Führungsrolle erwartet, sagte Russwurm. Dazu könnten deutsche Unternehmen entscheidend beitragen. Eine Möglichkeit dafür biete die stärkere Nutzung neuer Technologien:

Europa muss beispielsweise zum Schutz seiner kritischen Infrastrukturen für Telekommunikation und Konnektivität dazu fähig sein, innerhalb kürzester Zeit Satelliten von EU-Kontinentaleuropa ins All zu starten, um Ausfälle zu ersetzen. Dank innovativer New-Space-Unternehmen und der privatwirtschaftlichen Initiative für eine Startplattform in der deutschen Nordsee sollte die Bundesregierung ihren Partnern eine solche defensive Responsive-Space-Fähigkeit zur Verfügung stellen.

Prof. Dr.-Ing Siegfried Russwurm, Präsident Bundesverband der Deutschen Wirtschaft (BDI)

Zugreifen statt Steuerverschwendung

Er begrüßte außerdem, dass “New-Space” im Koalitionsvertrag erstmals als zentrale Zukunftstechnologie erwähnt wird. In den vergangenen Jahren sei durch private Investitionen ein dynamisches NewSpace-Ökosystem entstanden. Doch anstatt die damit verbundenen Möglichkeiten jetzt mit Steuergeldern aufwändig neu zu entwickeln, sollte die Bundesregierung bestehende Fähigkeiten nutzen. Das Know-how, die Infrastruktur, sowie global vorn mitspielende Unternehmen und Startups seien da. “Es gibt keinen Grund zu zögern, die Bundesregierung muss nur zugreifen.”


via BDI, vbw

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Written by (MWe)