09.07.2021 / 17:30 // #teamspace / SpaceX

Die Kommerzialisierung der Raumfahrt hat zweifelsfrei enormes wirtschaftliches Potenzial. Allein in Deutschland gibt es 125 Unternehmen, die dem NewSpace zuzuordnen sind und rund 3.000 Menschen Arbeit bieten. Doch auch die Begeisterung an der Raumfahrt im Allgemeinen erlebt derzeit eine Renaissance. So berichten unter anderem zahlreiche YouTuber fortlaufend über die neuesten Entwicklungen der Branche. Besonders viel Material zur Berichterstattung liefert SpaceX mit regelmäßigen Starts von Falcon 9 und der Entwicklung des Starship. Während vor allem bei Testflügen stattfindende Livestreams mehrere Zehntausend Zuschauer über Stunden in den Bann ziehen, wird jede noch so kleine Veränderung von einer immer größer werdenden Community verfolgt und ausgewertet. Einer von ihnen ist Hauke Wessels, dessen spezieller Service sich anschickt, zum elementaren Bestandteil vieler Livestreams zu werden. Denn der 18-Jährige Niedersachse bietet als derzeit einziger eine verlässliche Wettervorhersage für SpaceX’ Starbase (Boca Chica, Texas, USA) an. Wir sprachen mit ihm über sein Projekt, seine Begeisterung und seine Trefferquote bei der Vorhersage.


Astrodrom:
Hauke, wie bist du dazu gekommen, diesen Service anzubieten?


Hauke Wessels:
Eigentlich hatte ich damit gar nichts zu tun. Ich bin am 24. Januar 2021 auf den Discord-Server von Senkrechtstarter gekommen und habe dort bereits ein paar Tage später den ersten Wetterbericht – einen Fünfzeiler – geschrieben. Warum auch immer. Ich habe mich mit dem Wetter befasst und meine Erkenntnisse am Anfang Excel-Tabellen geschrieben. Dann bin ich auf Word umgestiegen und habe eine DIN A4-Seite vollgeschrieben und um Grafiken ergänzt. Im Hintergrund habe ich dafür alles an Daten gesammelt, was ich finden konnte, unter anderem Winddaten. Somit konnte ich von Start zu Start immer besser sagen, ob das Starship fliegt oder nicht.

Zum Beispiel wusste ich, dass die letzten beiden Flüge bei Windgeschwindigkeiten von 50 km/h stattfanden. Sind es nur 40 km/h heißt das: Wind sollte kein Problem darstellen. Dann habe ich mich im Ausschlussverfahren hochgearbeitet und bisher stimmen meine Prognosen zu 100 Prozent.

Wieviel Zeit investierst du
für deine Starship Start Prognose?

Ich investiere da gut und gerne mal sieben Stunden, die ich vor einem Start am Rechner sitze. Aber es lohnt sich, das Wetter zu verfolgen. Zum Beispiel sah es beim Start von SN15 am Morgen wettertechnisch noch richtig schlecht aus. Auch Felix [Schlang, What about it!?, Anm.] hat das in seinem Livestream gesagt. Wir haben uns das angeguckt: Gewitter und Regen. Da sagt man eigentlich, das wird nichts. Denn wer will schon das Risiko eingehen, bei Gewitter zu starten? Weil aber Gewitter teilweise echt schwer zu berechnen sind, hat sich das Wetter dann unheimlich schnell geändert. Und auf einmal sah ich vor mir, dass das Wetter immer besser wird. Eigentlich hatten alle – ich auch – innerlich schon aufgegeben. Aber das Gewitter verzog sich, obwohl es gar nicht so angesagt war. Und eine Stunde vor dem Start war alles super, als ob nichts gewesen wäre.

Felix Schlang hat in einem seiner Livestreams deine Wettervorhersage bereits angeteasert und dabei erwähnt, dass es bisher nichts Vergleichbares gibt. Kannst du dir erklären, warum nicht und warum du der Erste bist?

Diese Frage habe ich mir auch schon sehr, sehr oft gestellt, kann sie mir aber nicht erklären. Es gibt sonst generell zu jedem Start einer Rakete auch Informationen zur Wetterlage, was ich schon immer sehr interessant fand. Ich bin mir sicher, dass auch jemand anderes so etwas für das Starship anbietet, aber ich habe ihn oder sie noch nicht kennengelernt. Somit bin ich wohl in eine Lücke hineingerutscht.


Quickfacts Hauke Wessels

© Hauke Wessels, privat

Hauke Wessels
a.k.a.Senkrechtstarter Wetterfrosch
Jahrgang2002
kommt ausHildesheim
Social NetworksTwitter (de), Twitter (en), Patreon
Wetter Dashboardhttps://wetter.senkrechtstarter.space/

Um von Niedersachsen aus das Wetter für Texas vorhersagen zu können, bist du mit Sicherheit auf Daten angewiesen. Wie erhältst du diese?

Ich nutze dafür unter anderem die Daten von windy.com, die eigentlich für Surfer gedacht sind. Aber die haben eine Reihe an Daten, die für die Vorhersage relevant sind. Um mir diesen Service auch leisten zu können, habe ich einen Spendenaufruf für einen Premium-Account gestartet, mit dem ich Zugriff auf noch genauere Daten habe. Unter anderem die Windgeschwindigkeiten in unterschiedlichen Höhen. Das ist für mich super, da bei Raketenstarts vor allem die oberen Winde interessant sind – weil sie Probleme bereiten. Ich kann damit aber auch den Stickstoff- oder CO2-Gehalt in der Luft und Temperaturen ablesen. Außerdem schaue ich auch auf klassischen Wetterwebsites, was die voraus sagen.

Screenshot windy.com

Du bist kein klassischer Meteorologe, interpretierst die Daten jedoch mit beeindruckender Präzision. Woher hast du dieses Wissen?

Ein wenig wusste ich schon vorher, Vieles habe ich mir aber angelesen. Und was man auch sagen muss: Windy ist sehr benutzerfreundlich, sodass nicht nur Rohdaten ausgespielt werden. In einer kleinen Twitter-Serie habe ich mich bereits mit Wetter beschäftigt und kenne im Zuge dessen das Wetter- und Klimalexikon des Deutschen Wetterdienstes. Ich habe mir das also alles Stück für Stück erarbeitet.

Hast du denn Ambitionen, Meteorologie zu deinem Beruf zu machen?

Aktuell nicht. Obwohl ich es mega-interessant finde, aber ich verfolge schon seit langem den Traum des Berufsfeuerwehrmannes. Hinzu kommt, dass man Meteorologie studieren müsste und ich aktuell ganz froh bin, keine Schulbank mehr drücken zu müssen. [lacht]

Bisher sind deine Prognosen vor allem innerhalb der Community sichtbar, nun steht aber der Launch einer eigenen Website an. Welche Daten werden dann da zu sehen sein?

Ich werde dort zu geplanten Flügen die aktuellen Prognosen für Starbase einstellen. Wenn ein Flug zum Beispiel 21.00 Uhr unserer Zeit geplant ist, gibt es die erste Vorhersage um 14.00 Uhr, die zweite um 17.00 Uhr und die dritte um 20.00 Uhr. Wie gut das dann in der Praxis funktioniert, werden die ersten Feldtests zeigen. Ein entscheidender Faktor ist dabei die Geschwindigkeit, mit der ich die Vorhersagen auf Deutsch und Englisch schreiben kann – denn bei Starts geht es ja immer Schlag auf Schlag.

Apropos Englisch: Mit deinem Angebot rennst du scheinbar auch offene Türen vor Ort – in Boca Chica – ein. Wie kam es dazu, dass YouTuber aus Texas auf dich aufmerksam wurden?

Mit Louis von LabPadre hatte ich bereits kurz geschrieben – da ging es aber weniger ums Wetter als über den Ausfall einer seiner Kameras, die den Livestream vom Firmengelände von SpaceX ermöglichen. Außerdem stehe ich in Kontakt mit Maria Pointer [Boca Chica Maria, Anm.], die ja „die Nachbarin“ von SpaceX in Boca Chica ist. Nachdem ich auf ihren Discord-Server geschlittert bin, habe ich ein bisschen Werbung für mich gemacht. Und eine Minute später hat sie mir eine Freundschaftsanfrage gesendet. Danach haben wir kurz ein wenig geschrieben und auch sie hat mich in der Idee einer eigenen Website bestärkt. Wenn die Beta-Tests jetzt erfolgreich sind, geht sie auch endlich live.

Screenshot wetter.senkrechtstarter.space

Für besonders viel Aufmerksamkeit sorgte auch dein Tweet, ob man die Explosion von SN11 auch auf einem Wetterradar erkennen kann…

Die Resonanz auf diesen Tweet hat mich ehrlich gesagt ziemlich umgehauen. Mein Handy hat gar nicht mehr stillgestanden, weil es immer wieder Retweets, Likes und Zitate gab. Das hat mir auch Aufmerksamkeit für meinen Internationalen Account eingebracht. Insgesamt gab es mehr als 80.000 Impressions und mindestens 2.000 Interaktionen. Das Kuriose: SN11 ist ja nun schon eine Weile her [30. März 2021, Anm.] und ich habe das schon damals gesehen. Ich war aber die ganze Zeit am Zweifeln, ob das wirklich stimmt. Ich hatte es auch schon mal in meiner Twitter-Timeline, habe es aber wieder gelöscht, weil ich dachte: ‘Das kannst du eigentlich nicht bringen. Letztendlich weißt du gar nicht, ob es wirklich die Explosion war.’ Dann habe ich mich weiter damit beschäftigt, denn ich will ja keine Fake-News produzieren, sondern seriös sein. Ich bin aber zu dem Schluss gekommen, dass es nur SN11 sein kann. Denn der Staub macht nicht so viel aus, aber der kondensierte Treibstoff wird als erhöhter Regen dargestellt. Dann habe ich es also doch gepostet, aber nicht mit dieser Resonanz gerechnet. Aber daran merkt man, welchen Content die Community braucht und will.

Mittlerweile habe ich eine Liste, was ich vor, während und nach ein Start beobachten muss. Also Werte in einem Zeitfenster von 12 Stunden, die ich ablesen muss. Unter anderem die chemische Zusammensetzung der Luft, wie Stickstoffdioxidgehalt, CO2-Gehalt, Ozongehalt und Ähnliches. Vielleicht findet man auch da ja was.

Hast du ein Ziel, auf das du mit deinen Accounts hinarbeitest?

Direkt messbare Ziele nicht. Aber ich möchte mit diesem Thema doch Viele erreichen und begeistern. Ich möchte Vielen zeigen, dass es nicht ohne ist. Aber die Anzahl der Follower ist mir eigentlich egal. Ich mach das auch für 50 Follower, damit habe ich kein Problem. Denn ich habe ja selber Spaß daran und deswegen freue ich mich, wenn es genutzt wird. Und damit das passiert, bin ich natürlich auch an Kooperationen interessiert.

Was begeistert dich selbst an der Raumfahrt?

Wie Moritz mal gesagt hat, ist das jetzt der zweite Wettlauf ins All. Und der ist durch die vielen Unternehmen mittlerweile sehr spannend geworden. Ich muss aber sagen, dass Raumfahrt – genauso wie Wetter – bisher nie so richtig ein Thema für mich war. Bis Februar 2018: Da ist die Falcon Heavy zum ersten Mal gestartet. Und ich bin über einen Wissenschaftskanal darauf gekommen, dass der Start stattfindet. Das habe ich mir im Fernsehen angesehen und bin innerlich ausgeflippt, weil ich mir dachte: Wie schafft man das, diese fast 50 Meter hohen Booster beide gleichzeitig zu landen? So bin ich da rein geschlittert und finde es immer noch enorm, was da alles auf die Beine gestellt wird.

Hauke, vielen Dank für das Interview und viel Erfolg mit dem Wetter-Dashboard!