EU Space Week 2022 in Prag – Recap

This Post in a nutshell
Die EU Space Week ist eines der wichtigsten Events der Raumfahrtindustrie
Im Mittelpunkt stehen die europäische Raumfahrt und politische sowie gesellschaftliche Dimensionen
Kernthema der EUSW2022 war u.a. die Zukunftsfähigkeit der europäischen Raumfahrt

Vom 3. bis zum 6. Oktober 2022 fand in Prag die EU Space Week statt. Vor Ort in der tschechischen Hauptstadt waren mehr als 1.100 Teilnehmende, nochmal rund doppelt so viele verfolgten das Event online. Das Programm der vier Tage war straff gestrickt und bot mit 150 Vortragenden in 35 Sitzungen viele Möglichkeiten zum Austausch.

Die EU Space Week (EUSW) zählt wie auch der IAC (International Astronautical Congress) zu einer der wichtigsten Veranstaltungen der Raumfahrtbranche. Im Gegensatz zum IAC liegt der Fokus hier jedoch auf der europäischen Raumfahrt. Verantwortlich für die EU Space Week zeichnen die Europäische Kommission sowie die European Union Agency for the Space Programme EUSPA. Die Agentur der Europäischen Union für das Weltraumprogramm wurde im Juli 2004 gegründet und saß bis 2010 in Brüssel, seit Dezember 2010 hat sie ihren Sitz jedoch in Prag. Zudem hat Tschechien aktuell die EU-Ratspräsidentschaft inne, womit sich der Veranstaltungsort erklärt.

EU Space Week Banner, Copyright EUSPA
© EUSPA

Die EUSW ist in erster Linie ein Format für politische Entscheidungsträger:innen, Behörden, Investor:innen, Start-ups, etablierte Unternehmen sowie Nutzer:innen von Raumfahrtanwendungen. Kurzum für alle, die sich auf offizieller und professioneller Ebene für die aktuellen und zukünftigen Trends des EU-Raumfahrtprogramms interessieren. Das spiegelt sich auch im Program wider: Es gab Plenarsitzungen, Podiumsdiskussionen und hochrangige Grundsatzreferate.

Die Grundlage der einzelnen Sessions bildet das Raumfahrtprogramm der Europäischen Union. Dem sagt man zwar nach, lange Zeit im Dornröschenschlaf verbracht und beim aktuellen Rennen ins All den Start verpasst zu haben. Fakt ist jedoch, dass der Zeitplan des erst 2021 verabschiedeten Programms sehr ehrgeizig ist. Ziel ist es, ein dynamisches, innovatives und widerstandsfähiges Raumfahrt-Ökosystem aufzubauen. Einige Programme brauchen dabei den internationalen Vergleich nicht zu scheuen.

Flagship-Komponenten (Vorzeigeprogramme) der europäischen Raumfahrt

  • Copernicus – europäisches Erdbeobachtungsprogramm
  • Galileo – europäisches Satellitennavigationssystem
  • EGNOS – European Geostationary Navigation Overlay Service (Erweiterung von Galileo)
  • GOVSATCOM – EU-Programm für staatliche Satellitenkommunikation
  • SSA – Space Situational Awareness (Weltraumlagebild)

In allen Bereichen gibt es eine hohe Dynamik, was man auch auf der Agenda der EU Space Week erkennt. So gab es unter anderem eine Generalversammlung der Copernicus-Netzwerke, Status Updates zu Copernicus, Galileo, Egnos, Cassini und Horizon Europe sowie Sessions mit deutlich politischem Fokus. Zum Beispiel „Raumfahrt für EU-Resilienz und Autonomie“, „Stärkere Zusammenarbeit für ein stärkeres EU-Raumfahrtprogramm“, „EU Raumfahrt für sichere Kommunikation“ oder „Zusammenarbeit mit öffentlichen Behörden für eine stärkere Akzeptanz“. Aber auch gesellschaftliche Themen wurden aufgegriffen, zum Beispiel in den Sessions „Frauen im Weltraum“, „Raumfahrt für Gleichberechtigung“ oder „Förderung von Fähigkeiten in Europa für die nächste Generation“. Die letzte Session des letzten Veranstaltungstages wagte dann unter dem Titel „EU Space und Metaverse“ auch den Blick in die derzeit noch ferne Zukunft. Zusammenfassen lassen sich die vier Tage in sieben Punkten.


1. Die Raumfahrt ist das Fundament, auf dem Europas Widerstandsfähigkeit aufgebaut werden kann

Quantum key distribution using SAGA, Copyright ESA
© ESA

Sichere Kommunikation, Nachhaltigkeit und Widerstandsfähigkeit: Das steht nach einhelliger Meinung wichtiger Interessenvertreter:innen und politischer Entscheidungsträger:innen ganz oben auf der Liste der dringlichsten Themen, mit der die europäische Raumfahrt konfrontiert ist. Laut Thierry Breton, dem für den Binnenmarkt zuständigen EU-Kommissar, tragen alle Komponenten des EU-Raumfahrtprogramms dazu bei, Europas Widerstandsfähigkeit und Führungsrolle im globalen Raumfahrt-Ökosystem zu stärken. Inwieweit kostspielige, langwierige und damit schon wieder veraltete Projekte wie zum Beispiel die Ariane 6 diskutiert und mitgedacht wurden, bleibt jedoch Gegenstand von Spekulationen.


2. Finanzierung und Unterstützung sind entscheidend

Euro Geldscheine

Wie sehr, zeigte sich auf der EU Space Week unter anderem bei der Cassini-Session am Mittwoch. Dort wies ein Unternehmen darauf hin, dass für dessen Erfolg die anfängliche Finanzierung und Unterstützung entscheidend war. Bei Cassini handelt es sich im eine neue Initiative der Europäischen Kommission zur Unterstützung innovativer Unternehmen, Start-ups sowie KMU in der Raumfahrtindustrie. Sie läuft seit 2021 noch bis 2027 und steht allen Bereichen offen. Das schließt explizit auch Aktivitäten im NewSpace ein. Ganz gleich, ob es sich dabei um den Upstream (z.B. Raumfahrzeuge, Satelliten und Launcher) oder Downstream handelt (z.B. Softwareanwendungen, die Daten von Erdbeobachtungssatelliten nutzen). Cassini umfasst einen mit 1 Milliarde Euro ausgestatteten EU-Startkapital- und Wachstumsfonds. Darüber hinaus gibt es unter anderem Mentoring, einen Business Accelerator, Partnerschaften, Preise und Hackathons.


3. Europäische Raumfahrt sorgt für die Sicherheit der Bürger

Fort Myers Beach (Forida, USA) vor (li) und nach (re) Hurrikan IAN (September/Oktober 2022); © Airbus Space & Defense
Fort Myers Beach (Forida, USA) vor (li) und nach (re) Hurrikan IAN (September/Oktober 2022); © Airbus Space & Defense

Dies ist einer der wichtigsten Punkte der modernen Raumfahrt und gleichzeitig die Business-Grundlage auch deutscher Unternehmen wie LiveEO, ConstellR oder OroraTech. Mit von Erdbeobachtungssatelliten gewonnenen Daten lässt sich schneller auf Natur- und Klimakatastrophen reagieren und bestenfalls das Schlimmste verhindern. Was es dazu braucht, sind zuverlässige Datenquellen – also Satelliten – und intelligente Software. Zwar gibt es beides gibt es schon, aber es ist noch Luft nach oben. Derweil arbeiten aber viele Unternehmen mit Hochdruck daran, noch leistungsfähigere Produkte und Services anzubieten.

4. Die europäische Raumfahrt unterstützt die europäische Politik

Demonstration gegen den Klimawandel

Bis auf einige wenige Ausnahmen bezweifelt sicher niemand mehr, dass es den Klimawandel gibt. Dass ein „weiter wie bisher“ keine Option ist, haben auch politische Kreise verstanden und auf europäischer Ebene mit dem Green Deal einen wichtigen Schritt gemacht. Um jedoch das Ziel der Klimaneutralität bis 2050 zu erreichen, ist noch viel zu tun. Zahlreiche Maßnahmen wurden bereits beschlossen und unter anderem ein europäisches Klimagesetz erlassen. Mit dem Tag seines In-Kraft-Tretens am 29. Juli 2021 wurde an der Europäischen Umweltagentur EUA auch ein wissenschaftlicher Beirat für den Klimawandel – der so genannte Klimarat – eingerichtet. Eine seiner Aufgaben ist es, politische Entscheidungsträger anhand neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse zu beraten. Die dafür notwendigen Daten stammen auch von Erdbeobachtungssatelliten wie Copernicus oder Sentinel. Ergänzt werden diese von Satelliten privatwirtschaftlicher Unternehmen wie ConstellR (LisR) oder OroraTech (FOREST).


5. Die nächste Generation steht in den Startlöchern

Key Take away EU Space Week: Die nächste Generation steht in den Startlöchern, Copyright ESA–I. Drozdovsky
© ESA–I. Drozdovsky

Langfristig gedacht kann man die Begeisterung für Raumfahrt und Astronomie gar nicht früh genug wecken. Denn der demographische Wandel wird um die Raumfahrtindustrie keinen Bogen machen. Was einerseits zu einem Fachkräftemangel führt, verlangt andererseits den „alten Hasen“ Einiges ab. Denn sie müssen der nächsten Generation auch die Chance geben, ihren Platz einnehmen zu können. Wichtig ist dabei vor allem, dass die Jüngeren über die dafür erforderlichen Fähigkeiten verfügen. Das heißt im Umkehrschluss, dass in Universitäten die Kompetenzen vermittelt werden müssen, die in der Raumfahrtindustrie benötigt werden.

Dafür braucht es zum einen praxisorientierte Studiengänge, zum anderen ein Umdenken beim Recruiting. Denn Jobs, für die keine klassische Raumfahrtkarriere notwendig ist, sind mittlerweile gang und gäbe. Vor allem dort, wo das Level der Innovationen besonders hoch ist – allen voran im NewSpace – scheint man das längst erkannt zu haben. In zahlreichen Unternehmen arbeiten mittlerweile Menschen aus aller Welt mit unterschiedlichstem beruflichen Background gemeinsam daran, die Raumfahrt auf das nächste Level zu heben.


6. Diversität ist ein Innovationstreiber

Key Take away der EU Space Week: Diversität ist Treiber der Innovation; Im Bild Astronauten an Bord der Internationalen Raumstation ISS, © ESA/NASA
© ESA/NASA

Im Jahr 2022 ist es leider immer noch nicht selbstverständlich, obwohl es längst überfällig ist: Das Wissen darum, dass Vielfalt weder ein Kosmetikfaktor fürs Marketing noch staatlich verordnete oder gesellschaftlich verlangte Gleichbehandlung ist. Denn wer sich nur in seiner eigenen Blase aufhält und sich nur mit seinesgleichen umgibt läuft Gefahr, stereotype Denk- und Verhaltensmuster zu fördern und zu festigen. Damit wird es schwierig, neue Wege zu beschreiten – die in der Raumfahrt aber elementar sind.

Vielfalt, Diversität oder Diversity – wie man sie auch nennt – ist in erster Linie ein Schlüsselfaktor für Erfolg. Denn eine diverse Belegschaft verfügt beispielsweise über Sprachkenntnisse, mit der sich neue Kundengruppen ansprechen lassen. Oder Mitarbeitende aus anderen Kulturen haben ein tiefes Verständnis für Märkte in ihren Herkunftsländern. Auch werden pluralistische Unternehmen von Analysten besser bewertet und haben in unserer globalisierten Welt ein positiveres Image. Ebenso lassen sich internationale Fachkräfte leichter rekrutieren, Angestellte bleiben länger im Unternehmen und heterogene Belegschaften sind leistungsfähiger.

Vielfalt ist vielfältig – und nicht nur eine Frage der Herkunft

Vielfalt beschränkt sich keineswegs auf die Nationalität oder ethnische Herkunft. Vielmehr schließt sie auch das Alter, das Geschlecht und die Geschlechtsidentität, die sexuelle Orientierung und Identität, die Religion und Weltanschauung, körperliche und geistige Fähigkeiten sowie die soziale Herkunft ein. Allesamt Punkte, in denen sich Menschen unterscheiden können – aber nicht unbedingt müssen. In einem Team, das auf Vielfalt beruht, kommen unterschiedliche Voraussetzungen und Sichtweisen jedoch zwangsläufig zusammen. Gibt es dann ausreichend Möglichkeiten, sich auszutauschen und verfolgen darüber hinaus auch noch alle ein gemeinsames Ziel, entstehen neue Ideen und damit letztlich Innovationen.

7. Raumfahrt ist ein wichtiger Hebel der Inklusion

Probantin der Bedrest-Studie des DLR, © DLR
© DLR

Menschen mit Behinderung sind Menschen wie du und ich. Doch lange standen sie am Rand der Gesellschaft – und tun es leider oft genug immer noch. Damit sich das ändert, sind integrative Maßnahmen unverzichtbar. Dass die Raumfahrt dabei helfen kann, ist offensichtlich. Zum Beispiel mit Navigations-Apps, die die speziellen Anforderungen von Menschen mit Behinderung berücksichtigen, indem sie etwa barrierefreie Routen ohne Treppen vorschlagen – worüber sich letzen Endes auch diejenigen freuen dürften, die mit einem Kinderwagen unterwegs sind.

Mit Blick auf das Thema Inklusion kommt Bretons Aussage, alle Komponenten des EU-Raumfahrtprogramms würden dazu beitragen, Europas Führungsrolle im globalen Raumfahrt-Ökosystem zu stärken, eine besondere Bedeutung zu. Denn schon Ende März 2021 startete die ESA nach mehr als einem Jahrzehnt ein neues Auswahlverfahren für Astronautinnen und Astronauten. Und in dieser wurden auch explizit Menschen mit Behinderung gesucht.

Header Image Credit: Free Footage
Written by M. Weissflog
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